Mittwoch, 21. April 2010

Barça



Rezension


Dietrich Schulze-Marmeling
Barça
oder: Die Kunst des schönen Spiels
Göttingen 2010 (Verlag Die Werkstatt)
224 S.





Wenn gestern im Semifinale der Champions League Inter Mailand auf den FC Barcelona traf, trafen zwei verschiedene Zugänge, Konzepte, ja Philosophien des Fußballs aufeinander. Die meisten Fußballfans bedauern, daß Barça verlor. Dietrich Schulze-Marmeling erklärt in seinem neuen Buch den Zauber, den der katalanische Verein ausmacht. Dessen Hauptpunkte sind seine Geschichte, seine politische und soziale Bedeutung und seine Spielphilosophie.

Die spanische Fußballgeschichte ist ohne den Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 und die faschistische Diktatur bis 1975 nicht zu verstehen. Idealtypische Hauptprotagonisten aller Erzählungen sind das vom Franco-Regime gehegte Real Madrid und das widerständige Barça. Ist dies in der Tendenz zwar richtig, so ist es dennoch zu holzschnittartig. Real war im zentralistischen Regime im Vorteil gegenüber anderen, noch dazu gegenüber zentrifugaler Tendenzen verdächtiger Regionen wie Katalonien. Der Präsident des FC Barcelona und linke Parlamentsabgeordnete Josep Sunyol wurde noch 1936 von Franco-Milizionären erschossen. Nach der Eroberung Barcelonas 1939 führten regimenahe Funktionäre den Verein.
Trotzdem: "Im Fußball will Franco den Regionalbestrebungen ein Ventil bieten", schreibt Schulze-Marmeling: "Der katalanische Verein darf Trophäen gewinnen, wenngleich nicht zu häufig. Was es aber vor allem zu verhindern gilt, ist die Politisierung seiner Triumphe." Diese Strategie scheitert klar. "Da die Katalanen keine politischen Parteien hatten oder eine regionale Regierung oder das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen, investierten sie ihren kompletten kulturellen Stolz in Barça. Bei Barça-Spielen konnten die Menschen jederzeit in Katalanisch schreien, ihre traditionellen Lieder singen − zu einer Zeit, wo sie dies nirgendwo anders tun konnten." wird Carles Rexach im Buch zitiert. Bis heute kreisen die Debatten, wieweit sich etwa der Vereinspräsident in die katalanische Politik, für Autonomierechte und Unabhängigkeitsforderungen, einmischen darf.

Anfang der 1970er Jahre wird immer deutlicher, daß der alte Diktator sterblich ist und das Regime ins Wanken gerät. 1973 darf sich Barça wieder katalanisch Futbol Club nennen, nachdem man die letzten Jahrzehnte spanisch CF statt FC Barcelona heißen mußte. Der fußballerische Knackpunkt war der von Schulze-Marmeling so bezeichnete "Kulturtransfer" aus den Niederlanden. Mit dem Antritt von Rinus Michels als Trainer 1970, aber vor allem mit der Ankunft von Johan Cruyff 1973 begann "eine bis heute währende niederländisch-katalanische Connection und einer der interessantesten und nachhaltigsten Kulturtransfers in der Geschichte des Fußballs." 1974 schlägt ein von Cruyff angeführtes Barça Real in Madrid 5:0. "Kein anderes Vereinsspiel im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg dürfte eine so große politische Symbolik entwickelt haben wie El Clásico vom 17. Februar 1974. In den Franco-Jahren galten Siege über Real stets als verwegene Form politischer Opposition, aber dieses 5:0 ist das Verwegenste schlechthin." schreibt Schulze-Marmeling. "Der 17. Februar 1974 wird später zum Anfang vom Ende der Diktatur verklärt." Cruyff ist seither in Barcelona überlebensgroß.

1988 kehrt Johan Cruyff für acht Jahre als Trainer zurück und hinterläßt noch tiefere Spuren als in seiner Zeit als Spieler. "Cruyffs fußballerische Visionen, insbesondere das offensive Kurzpaßspiel, werden auf dem Platz zum Markenzeichen und zur bis heute gültigen Norm des FC Barcelona." Der Erfolg des Klubs liegt bei weitem nicht allein an Cruyff, aber er trat zweimal an entscheidenen Wendepunkten in Aktion. 1973 verkörperte er am Feld den Kampf für Offenheit und Demokratie. Als er 1988 Trainer wurde, begann sich die Stadt Barcelona in Vorbereitung der Olympischen Spiele 1992 von einer grauen Industriestadt in eine Dienstleistungs- und Kreativmetropole zu verwandeln. "Fußballphilosophien verdanken ihre Bedeutungsschwere häufig auch den gesellschaftlichen Umständen, in denen sie gedeihen bzw. der Möglichkeit, sie mit gesellschaftlichen Entwicklungen außerhalb des Spielfelds, mit Lebensweisen und Lebensphilosophien in Verbindung zu bringen."

Das Besondere des FC Barcelona ist ohne seinen Kontext nicht zu verstehen. Diesen bringt einem Schulze-Marmeling sehr gut nahe. So findet sich z.B. regionale Identifikation und nationale Bestrebungen nicht allein in Katalonien, sondern auch im Baskenland. Er erklärt aber den Unterschied der Nationalismen: "Während bei Athletic Bilbao der Nachweis baskischer Wurzeln zu erbringen ist und sich der baskische Nationalismus ethnisch definiert, ist der katalanische Nationalismus eine zivile Bewegung, die bürgerlich-souverän daherkommt. ... Kataloniens Nationalismus schließt nicht aus, sondern vereinnahmt, mobilisiert 'Fremde' für seine Sache und macht sie zu Einheimischen."
So schlägt Schulze-Marmeling einen Bogen vom kulturellen und historischen Kontext des Vereins bis zu jüngsten sportlichen Triumphen wie dem Gewinn von sechs von sechs möglichen Titeln des Jahres 2009. Eine spannende und kurzweilige Lektüre.

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